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Unsere Neue Bauakademie

Die TU Berlin übernimmt Verantwortung für ihr altes Haus im Herzen der Stadt

Von Christian Thomsen

(erschienen 4/2017)

Im Jahr 1879 wurde die Technische Hochschule Berlin aus der Bauakademie gegründet. Sie ist unser Ursprung und unsere Matrix. Schon fünf Jahre später mussten wir das zu klein gewordene Haus verlassen, um an unseren heutigen Standort nach Charlottenburg zu ziehen. Aus der Bauakademie haben wir zusammen mit Instrumenten, Büchern und wissenschaftlichen Sammlungen den Auftrag mitgenommen, akademische Bildung mit dem Geist von Kreativität, Innovation und technologischem Pragmatismus zu betreiben. Bis heute prägt dieser Geist unsere genetische Signatur. Wenn bald der Wiederaufbau der Schinkelschen Bauakademie beginnt, möchten wir etwas davon zurückgeben.

Wir wollen die Erinnerung an unsere Herkunft und die Präsenz der technischen Künste in der Berliner Mitte als unseren Beitrag zu der von Bundesbauministerin Barbara Hendricks skizzierten „Agora der Architektur“ wieder aufleben lassen. Unsere alte Bauakademie Schinkels steht für die verlorene Einheit aller Aspekte des Bauens unter einem Dach. Diese Übersichtlichkeit des Bauens ist seit Schinkel durch exponentiell wachsende Komplexität ersetzt worden. Technologische und ökonomische Bedingungen, eine Pluralität der Ideen und vor allem seine Vergemeinschaftung haben dazu beigetragen. Bauen ist wie keine andere kulturelle Ausdrucksform öffentlich, zugleich aber in seinen Prozessen so vielschichtig geworden, dass es kaum mehr verstanden wird. Experten beklagen die Beschneidung ihrer Kompetenz durch andere Experten und ein immer enger werdendes Netz von Ansprüchen und Regelwerken. Die Öffentlichkeit mutmaßt Unfähigkeit, Kungelei und Ignoranz, wenn Großprojekte mal wieder aus dem Ruder laufen oder Wettbewerbe wahlweise nicht oder zu sehr im Mainstream münden. Nahtlos fügen sich Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung von Bau und Städtebau in den allgegenwärtigen Universalverdruss.

Die Technische Universität Berlin ist eine offene Universität mit viel Raum für unterschiedlichste Ideen und Methoden. Für uns liegt deshalb die wichtigste Bestimmung der Neuen Bauakademie in ihrer Fähigkeit zum Dialog – zwischen Geschichte und Zukunft, zwischen den Disziplinen, zwischen den Generationen, zwischen Fachwelt, Politik und Öffentlichkeit, mit Querdenkern und quer zu bestehenden Strukturen und Institutionen, mit denen sie nicht konkurriert, sondern die sie ergänzt, bereichert und unterstützt. Sie muss ein Ort der Widersprüche sein – frei und poetisch im Sinne Schinkels, der ein visionärer Pragmatiker war. Ihr Fokus ist die Zukunft. Sie mit kompetenten Partnern zu gestalten und zu betreiben, steht die Technische Universität Berlin bereit: als Ausstellungsforum, Forschungs- und Diskussionsplattform und als Ort der internationalen Begegnung.

Bauen braucht Anschauung, doch soll die Neue Bauakademie kein herkömmliches Museum sein. Wir verstehen sie als ein modernes Schaufenster, das mit authentischen Objekten, Modellen und digitalen Präsentationen einen niedrigschwelligen Zugang zu allen Aspekten des Bauens öffnet: technisch, ästhetisch, historisch, sozial. Es soll Neugierde wecken und Verständnis schaffen. Dauerhaft füllt es eine Lücke in der Berliner Ausstellungs- und Bildungslandschaft und bedient gleichermaßen lokale wie touristische Interessen. Daneben sollen Wechselausstellungen die Programmschwerpunkte der Neuen Bauakademie formulieren und begleiten. Partner sind die Berliner Architektursammlungen von den Staatlichen Museen bis zur Berlinischen Galerie, genauso aber die Verbände, die Bauverwaltungen, die Bauindustrie oder das Handwerk. Für diese erste Säule sind wir bereit, unser aus der Bauakademie stammendes Architekturmuseum dahin zurückzubringen. Mit seinen reichen, vollständig digitalisierten Sammlungen gibt es dem Haus auch ohne ausgreifende Magazinräume größeres Gewicht und dem kontinuierlichen Betrieb eine koordinierende Basis, sei es mit Eigenproduktionen, Kooperationen oder Gastspielen aus dem In- und Ausland.

Bauen braucht Rede und Gegenrede, doch darf die Neue Bauakademie kein „Irgendwas mit Architektur“ werden. Ihr Nutzen bemisst sich nach ihrer Fähigkeit zum Transfer – komplexe Zusammenhänge unvoreingenommen zu sichten, aus der Diskussion zwischen Fachleuten, Politik und Öffentlichkeit gangbare Zukunftsperspektiven zu entwickeln und diese nachhaltig weiterzutragen. Wir denken uns die Neue Bauakademie mit Räumen für Veranstaltungen vielfältiger Partner: Verbände und Vereine, Hochschulen, Stiftungen, Bauträger, Politik, bürgerschaftliche Initiativen, europäische Institutionen, Bundesministerien und Senatsverwaltung. Diese Vielfalt darf freilich weder beliebig noch insular sein, sondern muss sich gemeinsam mit den Ausstellungen und Forschungsprojekten in ein klar konturiertes Gesamtprogramm fügen. Es geht nicht um die affirmative Darstellung des Bekannten, sondern um Zukunftsfelder und ihre Betrachtung aus ungewohnten Perspektiven: je unbequemer, desto besser. Es geht um Streit und um die Pflege von Streitkultur. Berliner Themen werden dabei besondere Bedeutung haben, doch weniger aus lokalem Interesse, denn in ihrer paradigmatischen Wahrnehmung gehen sie weit über die Stadt hinaus. Die fortwährende Reflexion der Grundlagen des Bauens zählt dazu, ebenso sehr aber die Relativierung des vermeintlich Unverrückbaren durch einen Blick jenseits des Tellerrandes. Für diese zweite Säule wünschen wir uns die Bundesstiftung Baukultur in der Neuen Bauakademie – mit ihrem Netzwerk und ihrer Expertise ist sie eine ideale Partnerin und Koordinatorin eines offenen Hauses.

Bauen braucht Nachwuchs, und Bauen ist international, doch soll die Neue Bauakademie keine Schule werden. Berlin war und ist ein Laboratorium für Architektur und Städtebau – bunt, vielfältig, widersprüchlich und von internationaler Strahlkraft. Für junge Menschen ist Berlin ein kreativer Hotspot und spannend in seiner Diversität für Entwerferinnen und Entwerfer aus der ganzen Welt. Für die Neue Bauakademie ist das eine Chance, zu einem lebendigen Ort internationaler Begegnung zu werden.

Wir sind bereit, dafür einen internationalen Master- Studiengang mit hineinzugeben – für uns als Reminiszenz an unseren Ursprung, für das Haus als Basis einer internationalen Denkfabrik und Forschungsplattform. Fellows als Akademiemitglieder und höchstqualifizierte Postgraduierte als Stipendiaten aus der ganzen Welt sollen sich Schwerpunktthemen widmen, die wiederum eng an das Programm von Ausstellungen und Veranstaltungen rückgekoppelt sind – gemeinsam in Forschung und Entwurf, aber auch gemeinsam im engen persönlichen Kontakt in einer weltoffenen Bauakademie, die dafür Wohnungen bereithält. Für diese dritte Säule wünschen wir uns international aufgestellte Partner wie das Goethe-Institut für themengebundene Residenzprogramme und das Deutsche Archäologische Institut, mit dem wir von der historischen Bauforschung bis zu aktuellen Maßnahmen zur Rettung und Pflege des Weltkulturerbes ohnehin eng verbunden sind. Es ist gut, dass sich der Deutsche Bundestag der Bauakademie angenommen hat. Es zeigt, wie wichtig sie als Schaufenster, als Denkfabrik und als internationale Plattform sein kann. Aber Demokratie verteilt keine Geschenke, sondern Aufgaben. Wir nehmen sie an.

Christian Thomsen ist Präsident der Technischen Universität Berlin