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Ein Roter Kasten in Berlins Mitte

Sparsamkeit, Schönheit und Zweckmäßigkeit – ein Versprechen nachhaltiger Baukultur

Von Harald Bodenschatz

(erschienen 4/2017)

Es gibt keinen Ort in Berlin, der so fordernd für Baukultur stand wie der geschundene Rote Kasten Karl Friedrich Schinkels. Das Gebäude Bauakademie hat Kultstatus, es verband allerfeinste architektonische Bescheidenheit mit atemberaubender städtebaulicher Qualität. Es fand Bewunderung bei Generationen von Architektinnen und Architekten ganz unterschiedlicher Orientierung. Die Bauakademie war aber nicht nur ein Gebäude, sondern auch eine Institution, eine bereits 1799 gegründete Bildungseinrichtung zur Förderung der staatlichen Baukultur, der älteste Nukleus der heutigen Technischen Universität Berlin. Zudem beherbergte die Bauakademie die Oberbaudeputation, sozusagen die oberste Baubehörde, Kontrollinstanz der gesamten staatlichen Bautätigkeit in Preußen.

Das Gebäude Bauakademie verdeutlichte diese Doppelinstitution. Nach den Reformen des preußischen Staates zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es nicht mehr nur oder ausschließlich der absolute Herrscher, dessen Willen zum Maßstab der Baukultur gerann, sondern der vom Willen des Herrschers sich zunehmend emanzipierende Staatsapparat, der das Ringen um Baukultur institutionalisierte. Die Bauakademie unterwarf sich nicht mehr dem Schloss, und ihr Skulpturenprogramm bezog sich nicht mehr auf Krone und Kreuz. Ihre Botschaft war: Sparsamkeit, Schönheit und Zweckmäßigkeit. Die Bauakademie war ein Versprechen nachhaltiger Baukultur.

Karl Friedrich Schinkel war der Institution und dem Gebäude Bauakademie mehrfach verbunden. Er war Schüler an der Bauakademie, seine Karriere vollzog sich in der Oberbaudeputation, deren Direktor er 1830 wurde. Als Direktor der Oberbaudeputation entwarf er den Neubau der Bauakademie. Als Mitglied der Oberbaudeputation konnte er auch als Prüfer an der Bauakademie tätig werden. Und er wohnte als preußischer Baubeamter bis zu seinem Tode im Jahre 1841 in diesem Gebäude.

Die Institution Bauakademie residierte seit 1836 im Gebäude Bauakademie. Im Jahre 1884 zog sie in das neue Hauptgebäude der Technischen Hochschule in Charlottenburg. Damit war die Existenz einer eigenständigen Institution Bauakademie beendet. Seither erlebte das Gebäude Bauakademie eine bewegte, deutsche Geschichte. Es war Heimstatt der 1920 gegründeten renommierten Deutschen Hochschule für Politik, aber auch Sitz einer Parteischule der NSDAP. Es wurde durch einen Bombenangriff am 3. Februar 1945 teilzerstört. Sein Wiederaufbau unter der Leitung von Richard Paulick begann in den 1950er-Jahren. 1961 wurde es abgebrochen, um dem Außenministerium der DDR Platz zu machen. Legitimiert wurde der Abbruch damals mit dem Versprechen eines baldigen Wiederaufbaus an anderer Stelle, der 1965 beginnen sollte. 1995 wurde das Außenministerium der DDR schließlich abgebrochen, um den Wiederaufbau der Schinkelschen Bauakademie vorzubereiten. Doch auch dieses Versprechen wurde – wie jenes der DDR – nicht gehalten.

Inzwischen hat das Projekt des Wiederaufbaus der Bauakademie schon wieder eine eigene Geschichte. So diskutierte ein Symposium in Hannover bereits 1992 die Sinnhaftigkeit einer neuen Bauakademie: „Die alte Bauakademie Schinkelscher Prägung besteht nicht mehr. Sie muß […] neu begründet werden, um die 300jährige Tradition nicht abreißen zu lassen und auf die Gestaltung der Zukunft Einfluß nehmen zu können“ (Pro Bauakademie 1992). Im Jahre 1995 verdichtete sich die Suche nach dem Programm für eine wiederaufgebaute Bauakademie. „Es ist der Wille des Senats“, so der damalige Bausenator Nagel 1995, „an diesem Standort wieder die Bauakademie entstehen zu lassen, eine unabhängige wissenschaftliche Lehr- und Forschungsstätte für Fragen der deutschen und europäischen Stadtentwicklung, für Architektur, Städtebau, Stadterneuerung, Stadtplanung und Stadtbaugeschichte, kurzum ein lebendiger Ort öffentlicher Diskussion mit überregionaler Ausstrahlung.“ Die geplante Institution wurde „Neue Bauakademie“ genannt. Doch der scheinbar greifbar nahe Wiederaufbau der Bauakademie versandete.

20 Jahre später ist es wieder so weit: Der Wiederaufbau steht erneut bevor. Doch das Wissen um die Bauakademie und die Geschichte ihres versprochenen Wiederaufbaus ist verblasst, und die Ansprüche sind größer, anmaßender geworden, oft ohne Rücksicht auf die Besonderheiten dieses Kastens. Die Bauakademie war ein Gebäude und eine Institution, in dieser Doppelung ein Manifest der Baukultur unabhängig vom jeweiligen Herrscher, einer Baukultur, die nicht nur architektonisch inszeniert, sondern um die in diesem Gebäude auch gerungen wurde. Sie ähnelt damit dem fast 100 Jahre später errichteten Bauhaus in Dessau, dem zweiten Bauwerk in Deutschland, das zu einem Kultort des Bauens geworden ist. Dieser Tradition muss sich die Diskussion um einen Wiederaufbau heute stellen, will sie nicht in einer banalen Verkürzung enden. Eine Neue Bauakademie muss wieder ein Ort von internationalem Interesse sein, ein Ort, an dem Deutschland selbstbewusst selbstkritisch sein Bauen präsentiert und das Bauen anderswo zur Kenntnis nimmt, mit Blick auf Ökonomie, Ökologie und soziale Gerechtigkeit. Beteiligt sind selbstverständlich auch die Hauptstadt und ihr Spross, die TU Berlin. Die Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen hat für dieses Projekt eine überzeugende Orientierung formuliert: „so viel Schinkel wie möglich“. Das gilt für das Gebäude wie die Nutzung. Die Tradition des Ortes begründet den besonderen Anspruch, in der wiederaufgebauten Bauakademie mit Blick auf Sparsamkeit, Schönheit und Zweckmäßigkeit um die Zukunft von Architektur und Stadt zu ringen.

Harald Bodenschatz war bis 2011 Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin. Von ihm erschien 1995 das Buch: „,Der Rote Kasten‘. Zu Bedeutung, Wirkung und Zukunft von Schinkels Bauakademie“. Er begleitet die Aktivitäten der TU Berlin zur Vorbereitung einer Neuen Bauakademie.