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Rekonstruktion oder
Kritsche Rekonstruktion

Zwei Positionen

Reko ist nicht Retro

Von Tobias Nöfer

(erschienen 4/2017)

Architektur zeichnet aus, dass sie auf selbstverständliche Weise Anforderungen nicht nur erfüllt, sondern sie zur Kunstform steigert. Das gilt für die Bauakademie ganz besonders. Aus der Aufgabe, ein multifunktionales, brandsicheres und zugleich städtebaulich wirksames Gebäude zu errichten, hat Schinkel ein einzigartiges Monument geschaffen. Kein Einzelaspekt dominiert hierbei den anderen. Die Bauakademie ist Städtebau und Architektur, Skelettbau und Massivbau, italienische Klassik und Industriearchitektur, einfach und hochkomplex. Das Äußere ist nicht ohne das Innere zu denken, da sich die aus allen Einzelaspekten entwickelte Konstruktion nach außen abbildet. Gleichzeitig konstituiert die gleichförmige Fassade die räumliche Struktur im Inneren. Eine Bauakademie ohne ihre innere Konstruktion wäre wie ein Auto ohne Motor.

Mehr als jedes andere Gebäude der Baugeschichte verbindet die Bauakademie alle Einzelaspekte zu einem Ganzen. Sie ist heute und in Zukunft so beispielgebend wie im 19. Jahrhundert. Es gibt keine moralische oder sonstige Veranlassung, sie nicht wiederherstellen zu dürfen. Es geht um die Idee und die Umsetzung. Schinkel sollte nicht durch einen neuen Schinkel ersetzt werden. So sinnlos es ist, sich zu fragen, was Schinkel heute machen würde, so sinnlos ist es, eine Bauakademie ohne Bauakademie zu bauen. Ich plädiere deshalb für eine Wiederherstellung als Ganzes, und das am besten als Gemeinschaftswerk unserer Generation. Es sollte keinen neuen Autor außer Schinkel geben. Alle Experten, die sich in den letzten 25 Jahren auf höchstem Niveau mit der Bauakademie beschäftigt haben, sollten ihre Expertise mit einbringen. Selbst dann ist der Wiederaufbau eine Herausforderung, die nicht leicht zu meistern sein wird.

Tobias Nöfer ist freischaffender Architekt in Berlin. Nach seinen Plänen wurde der temporäre Musterraum errichtet.

Plädoyer für eine „kritische“ Rekonstruktion

Von Adrian von Buttlar

(erschienen 4/2017)

Großartig, dass der Bund die Mittel für den Wiederaufbau der Bauakademie bereitstellt! Aber nur eine „kritische“ Rekonstruktion kann Schinkels Genius und neuen Nutzungen gerecht werden: An diesem historisch bedeutsamen städtebaulichen Ort ist zwar einerseits keine Willkür erlaubt – es gilt authentische Spuren zu erhalten, das verlorene Meisterwerk ins kollektive Gedächtnis zurückzurufen und für seine Relikte einen angemessenen Schauort zu finden. Andererseits würde Schinkel mit einer „originalgetreu“ rekonstruierten Attrappe geradezu ad absurdum geführt. Seine künstlerischen Ambitionen waren (in „Kenntniß des ganzen historisch-Vorhandenen“) stets auf die Erfüllung neuer funktionaler, konstruktiver und ästhetischer Ansprüche – auf zeitgemäße Authentizität – ausgerichtet: „Es folgt hieraus schon von selbst, daß das Streben nach dem Ideal sich in jeder Zeit nach den neu eintretenden Anforderungen richten wird […], daß auch neue Erfindungen nothwendig werden […] und daß, um ein wahrhaft historisches Werk hervorzubringen, nicht abgeschlossenes Historisches zu wiederholen ist“ (1833).

Auch heute wieder die Brücke zwischen Rückund Vorausschau zu schlagen, erfordert Freiheiten in Konzeption und Gestaltung der Aufgaben, denen das Gebäude dienen soll: Zuerst müssen wir uns also einigen, „welche Erfordernisse“ die Neue Bauakademie als Lehr- und Veranstaltungsort, Ausstellungshalle, Museum, internationales Forum und urbaner Hotspot zu erfüllen hat; dann versuchen, unter Rücksichtnahme auf den Genius Loci dafür ein adäquates Gehäuse des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. Zwischen den Herausforderungen des historischen Erinnerungspotenzials und den Visionen eines lebendigen Ortes zukunftsfähiger Baukultur liegt ein weites Feld, das einen offenen Wettbewerb und eine besonders sorgfältige Diskussion seiner Resultate erfordert: eine Chance für ein programmatisches Kunststück unserer Zeit – weniger im Stile als im Geiste Schinkels.

Prof. Dr. Adrian von Buttlar, langjähriger Vorsitzender des Berliner Landesdenkmalrates, lehrte bis 2013 Kunstgeschichte an der TU Berlin. Er setzt sich seit langem mit dem Phänomen der Architekturrekonstruktion auseinander.