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Museumsvisionen

Der Wettbewerb zur Erweiterung der Berliner Museumsinsel 1883/83
Projektseminar - Tagung - Ausstellung - Buch

Am Anfang stand eine einfache Frage: Wann eigentlich wurde beschlossen, die seit 1999 auf der Liste des Welterbes verzeichnete Berliner Museumsinsel so zu errichten, wie wir sie heute vor uns sehen, als Versammlung von fünf fast autonom stehenden Monumentalbauten? Deutlich unterscheidet sich die Museumsinsel damit etwa vom organisch um einen Kern herum erweiterten Louvre, dem British Museum oder dem Metropolitan Museum. Sie bildet aber auch kein offenes Museumsforum wie in Wien, Dresden oder München. In Berlin sind die Museen einander teilweise sogar schroff abgewandt, wie die Alte Nationalgalerie und das Pergamonmuseum. Eine Welt scheinbar außerhalb des Alltags, die doch durchquert wird von der großen europäischen Eisenbahnachse zwischen Moskau und Paris.

Friedrich Wilhelm IV. beschloss 1841, den städtebaulichen Raum hinter dem Königlichen Museum als »Freistätte für Kunst und Wissenschaften« zu nutzen. Wohl selbstverständlich war für den »Architekten auf dem Thron«, dass die dringend benötigte Erweiterung des 1830 nach Plänen Karl Friedrich Schinkels errichteten (Alten) Museums nicht bloß ein Anbau sein könnte. Stattdessen entstand mit dem von Friedrich August Stüler geplanten und 1855 übergebenen Neuen Museum ein weitgehend selbstständiges Nachbargebäude. Mit dem Alten Museum ist es bis 1941 nur durch einen Gang über die heutige Bodestraße verbunden gewesen. Gänzlich frei stehend wurde dann seit 1861 die Alte Nationalgalerie von Stüler und Strack geplant.Doch noch um 1880 hätte es die Möglichkeit gegeben, im Anschluss an das Neue Museum einen zusammenfassenden Monumentalbau zu errichten. Das zeigen die damals viel debattierten Projekte August Orths aus der Mitte der 1870er-Jahre. Danach hätten die Besucher vom Lustgarten bis zur Spreeinselspitze oberirdisch durch eine große Museumsanlage wandeln können.

Dass dies nicht geschah, sondern die Museumsinsel sich als Agglomeration selbstständiger Bauten entwickelte, ist wesentlich die Folge der am 12. Juni 1883 vom preußischen Kultusministerium ausgeschriebenen »Concurrenz wegen Bebauung der Museumsinsel«.

Trotz seiner Bedeutung ist dieser Wettbewerb bisher nur unzureichend untersucht und publiziert worden. Um diese Forschungslücke der Berliner und deutschen Museums- und Architekturgeschichte zu füllen, wurde im Sommersemester 2014 an der Technischen Universität Berlin unter der Leitung von Bénédicte Savoy (Fachgebiet Kunst­geschichte der Moderne), Nikolaus Bernau (Topoi Fellow 2014) und Hans-Dieter Nägelke (Architekturmuseum) ein Projekt­seminar veranstaltet. Achtzehn Studierende hatten die Gelegenheit zu forschendem Lernen jenseits bereits betretener Pfade. Objektbezogenes Arbeiten hat an der Technischen Universität eine lange Tradition – auch in den Geisteswissenschaften. In unserem Fall verband sich das Forschen an historischen Originalen aus dem Architekturmuseum der Technischen Universität, den Archiven der Staatlichen Museen zu Berlin und vielen weiteren Sammlungen mit der besonderen Verantwortung, die Ergebnisse der verschlungenen Forschungspfade am Ende mit Buch und Ausstellung für eine breite Öffentlichkeit aufzubereiten. Das sollte eine selbstverständliche Vorbereitung für den Berufsalltag sein, findet aber im engen Studienplan nur noch selten Raum. Alle Studierenden haben sich dieser Herausforderung mit großem Einsatz gestellt. Als Querschnittsprojekt zwischen Sammlungen und Lehre, Kunst-, Architektur-, Archäologie-, Sozial- und Wissenschaftsgeschichte fanden wir ein Zuhause im Exzellenzcluster der Deutschen Forschungsgemeinschaft Topoi – Die Formation und Transformation von Raum und Wissen in den antiken Kulturen. Ohne die finanzielle Unterstützung, mehr aber noch ohne sein großes Vertrauen und seine intellektuelle Freizügigkeit hätten wir kaum agieren können.

Damit gelang es, wohl alle erhaltenen Materialien zum Museumsinselwettbewerb 1883/84 zusammen zu tragen. Für etliche anonym eingereichte Arbeiten gelang die Zuschreibung. Selbst Arbeiten, für die keine Pläne mehr überliefert sind, konnten durch die Analyse etwa der Vorprüfakte wenigstens schematisch rekonstruiert werden. Der Schwerpunkt unserer Arbeit ergab sich aus den Hauptaufgaben, denen sich bereits 1883/84 die Architekten stellen mussten: Die Aufstellung des Pergamonaltars, die Inszenierung der Funde aus Pergamon und Olympia sowie der Architektur- und der Abgusssammlungen. Untergeordnet waren die Sammlungen der »christlichen Epoche«, also die Gemäldegalerie, die Skulpturensammlung und ihre Abgüsse.

Mit den gemeinsamen Forschungen weitete sich unser gemeinsamer Blick. Es wurde deutlich, dass der Berliner Museums­inselwettbewerb nur einer von vielen vergleichbaren Architektur-»Konkurrenzen« oder -»Preisausschreiben« war. Alleine im Gebiet des Deutschen Reichs fanden bis 1918 mehr als 70 Wettbewerbe für Museums- und Ausstellungsbauten statt. Gut ein Drittel entsprechender Neubauten wurde also mit Wettbewerben vorbereitet. Auch in der Schweiz gilt dies Verhältnis, 12 von 29 Museums­neubauten bis 1918 entstanden nach Wettbewerben. In Großbritan­nien konnten wir bisher nur etwa 50 Wettbewerbe für gut 300 Museumsbauten regi­strieren – hier oft verbunden mit städtischen Bibliotheken. Vollends überraschend war, dass für Frankreich bis 1918 nur neun Wettbewerbe für Museums- und Ausstellungsbauten festgestellt wurden, von denen zwei zudem Wiederholungswettbewerbe waren.

Das Geflecht dieser Wettbewerbe zu skizzieren, war Ziel der von der Projektgruppe im Sommer 2015 veranstalteten internationalen Tagung »Museum Envisioned – Archi­tectural Competitions 1851–1914« an der Technischen Universität Berlin. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gilt der öffentlich abgehaltene Architektenwettbewerb als effizienteste Methode, die relativ beste Lösung eines städtebaulichen, architektonischen oder bautechnischen Problems zu ermitteln. Die erste bekannte Wettbewerbsordnung verabschiedete Großbritannien 1839, Deutschland folgte 1868, Österreich 1870 und die Schweiz 1877. Seine Geschichte ist dennoch bisher kaum untersucht. Nur zu einzelnen Regionen und Nationen gibt es Untersuchungen. Vergleichende Überblicke oder auch nur Statistiken fehlen vollständig, ebenso gesellschafts- und kulturhistorische Einbindungen. Selbst die Wettbewerbe zu bautypologischen Themen wie eben den Museen sind Terra incognita. Dabei wurden schon im 19. Jahrhundert wortwörtlich tausende Wettbewerbe in den Kunst- und Architekturzeitschriften verzeichnet.

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