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Erste Runde

Ludwig Franz Karl Bohnstedt
Reichstag, Berlin. Erster Wettbewerb (1872)

von Dieter Nägelke

Inv. Nr. 354
Ludwig Franz Karl Bohnstedt
Reichstag, Berlin. Erster Wettbewerb
Perspektivische Ansicht vom Königsplatz aus
Handzeichnung: Tusche aquarelliert auf Karton
58,1 x 99 cm (Texturscan)

Nur elf Monate nach Wiederherstellung der Reichseinheit und Proklamation Wilhelms I. zum Kaiser wurde am 16. Dezember 1871 eine internationale Konkurrenz für ein deutsches Parlamentsgebäude eröffnet. Naturgemäß spielte neben allen praktischen Erwägungen die seit den 1820er Jahren fortwährend diskutierte Frage nach einem spezifisch nationalen Baustil eine besondere Rolle für den Symbolbau.

Inv. Nr. 15894
George Gilbert Scott / John Oldrid Scott
Reichstag, Berlin. Erster Wettbewerb
Perspektivische Ansicht vom Königsplatz
Handzeichnung: Bleistift und Tusche aquarelliert auf Karton
96,3 x 147,6 cm

Umso überraschender scheint es, dass nicht ein neugotischer Entwurf, wie ihn der zweitplatzierte Engländer George Gilbert Scott vorgelegt hatte, sondern ein weitgehend unbekannter Architekt mit Neorenaissanceformen das Rennen machte. Nicht eine nationale, sondern im Gegenteil eine auf Internationalität zielende Formensprache brachte dem aus St. Petersburg stammenden und im thüringischen Gotha ansässigen Bohnstedt den Sieg: Motive des italienisch geprägten französischen Frühbarock, eine Säulenhalle nach dem Vorbild der Louvrekolonnaden Perraults und in der Mitte ein monumentales Triumphbogenmotiv als offene Eingangshalle, die zum kuppelbekrönten Sitzungssaal vermittelt. Bohnstedts Entwurf stand nicht für ängstliche Selbstvergewisserung, sondern für den selbstbewussten Anspruch, im internationalen Machtkonzert eine wenigstens gleichwertige Rolle zu spielen.

Inv. Nr. 10110,54
Paul Wallot
Reichstag, Berlin
Ansicht
Druck: Lithographie auf Papier
62,4 x 91 cm (Texturscan)

Die Unzulänglichkeit des flüchtig zusammengestellten Bauprogramms und fortgesetzte Grundstücksdiskussionen blockierten das Projekt, bis schließlich 1882 eine neue Konkurrenz ausgeschrieben wurde. Bohnstedt beteiligte sich erneut, blieb aber erfolglos. Ausgeführt wurde der Reichstag 1884–1894 nach Entwürfen Paul Wallots.


Quellen / Literatur:

Vgl. Dolgner (1979), Cullen (1983) und Cullen (1995). Die Zeichnungen gehören zur Raschdorff-Sammlung, der Lichtdruck stammt aus einer Prachtpublikation Wallots, die 1989 erworben wurde.

Mehr dazu im Architekturmuseum:

https://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/index.php?p=51&SID=1584633170479

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